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"CUT MY THOUGHTS FOR COCONUTS"...

(Grübeleien und Kuriositäten aus dem Leben des Kostja Nix)

 

 

...Ich war ein genügsames Kind.

Ich schlief auf Zuruf, schrie in Maßen, aß in Mengen. Von kompetenten Ingenieurshänden durch Streuobstwiesen getragen, oder vor allzu waghalsigen Spielanordnungen eines großen Bruders flüchtend, früher oder später landete ich immer in der Küche. Sie spendete dampfend und brodelnd Trost und hatte stets eine kleine schwäbische Köstlichkeit für mich übrig.

Leicht adipös, aber gutmütig, und erst mit späten elf Jahren das erste Mal auf den Kopf gefallen, genauer gesagt auf die frisch gepflasterte Terrasse unseres personalisierten Fertighauses, verbrachte ich meine Kindheit in Lexika und Atlanten. Ich hegte keinen Zweifel daran bald als genialer Meeresbiologe, skrupelloser Polarforscher oder Archäologe die todesmutigen Berichte meiner Helden fortzuschreiben.

 

In meinen ersten Schuljahren, die ich mit erschreckend labilen und leider auch erschreckend unfähigen Grundschulpädagogen verbrachte, stellte ich schnell fest, dass Zahlen mir rundweg unsympathisch, und Buchstaben scheinbar nur dazu da waren, sie krampfhaft in breitformatige Schönschreibhefte zu kalligraphieren.

 

Meine musikalische Grunderziehung sollte darin bestehen, zwei speckig-braune Rundhölzer stundenlang gegeneinander zu schlagen und sich jedesmal über den verpassten Einsatz der Triangel zu ärgern.

Die übrigen Fächer waren kaum der Rede wert: Herbstblätter sammeln im Schulhof, Bibel-Reenactments mit Drahtpuppen in Leinengewändern und viel Tüll, kratzige und zweckfreie Miniaturteppiche weben, zu den Samba-Rhythmen der letzten Weltmeisterschaft über stinkende Lederböcke hüpfen.

Die Lehrjahre des künftig weltberühmtesten Reisejournalisten hatte ich mir abenteuerlicher vorgestellt.

Aber es kam sowieso alles anders...

 

 

 

 

 

Herr Tüchtig und das Arbeitslos (2017)

 

Herr Tüchtig trägt ein gestärktes Hemd, natürlich hochgekrempelt, eine enge Jeans, eine von diesen dunkel glänzenden, förmlichen und neue, schwarze Lederstiefel.

Warum das Amt von Herrn Tüchtig zwischen Brache und Industriegebiet weit im Osten hinter Alt-Treptow liegt, ist nicht zu begreifen.

Herr Tüchtig begrüßt einen mit ehrlichem Handschlag. Herr Tüchtig freut sich wirklich.

An der Wand hinter Herr Tüchtigs dreigliedrigem Schreibtisch hängt eine bunte Weltkarte. Jedes Land hat seine Farbe. Argentinien ist rosa. Auf der Plastikunterlage meines Kinderschreibtisches hatte rosa zu Polen gehört. Argentinien war hellblau oder braun. Die meisten Länder waren eigentlich braun, es gab da viele verschiedene Brauntöne. Aber Polen war rosa. Immer. Bis ein großer Brandfleck Osteuropa ersetzte. Das Plastik hatte erstaunlich lange nachgeschmort und auch Polen und Teile von Sachsen erwischt.

Herr Tüchtig schaut einem in die Augen, wenn er spricht, und lange und ohne zu blinzeln. Er schaut einem auch noch in die Augen, wenn man selbst gebeten ist zu sprechen, ganz freundlich, auch noch wenn man nicht weiß, was man denn hier sagen oder lieber verschweigen sollte. Er schaut einem so lange in die Augen, bis man wenigstens ein kleines Bisschen einsichtigen Gemurmels schulknabenhaft herausgestottert hat.

Herr Tüchtig kann erstaunlich schnell tippen, er ist ja noch so jung. Bestimmt hat Herr Tüchtig eine Verehrerin. Oder einen Verehrer?

Jedenfalls macht Herr Tüchtig seine Sache gut, er ist zweifelsohne ein sehr kompetenter Sachbearbeiter. Herr Tüchtig möchte nur das Beste für uns Arbeitslose.

Deshalb möchte Herr Tüchtig einen davon überzeugen, das eine Weiterbildung ratsam wäre, am besten gleich eine Umschulung. Gerade jetzt ständen die Zeiten und Gelder sehr günstig. Gerne würde unsereins ja in den Sozialen Bereich wechseln. Lieber gleich den Antrag stellen, als noch länger zu warten. Unter uns, worauf noch warten? Schließlich kann man darstellerische Fähigkeiten ja auch als Erzieher gut gebrauchen.

Am Ende möchte Herr Tüchtig noch eine Unterschrift. Hiermit bestätige ich, dass ich mich bemühen und auch weiterhin ein großes Arbeitslos sein will, und keine Niete.

Und dann öffnet Herr Tüchtig für mich die Tür und wünscht mir alles Gute!

 

 

 

 

PATAGONIEN (2016)

 

 

 

5. November 2016, El Calafate

 

Während wir ins Landesinnere fahren, in unserem weißen Toyota, vorne die beiden Stummen, ich, wie auch in den kommenden Tagen meistens, auf dem Rücksitz, auf schnurgeraden, noch geteerten Straßen, stundenlang durch diese flache, weite Wüstenwelt fahren, denke ich, ich muss alles bisher über diese Ebene gedacht und geschriebene verwerfen, zu romantischem, verherrlichendem Kitsch erklären.

Ich ahne auf dieser Fahrt nach El Calafate, sicher und behütet im monoton brummenden Jeep, dass man zumindest einige Nächte unter diesem Himmel, auf diesen trockenen Gräsern gelegen haben muss, wenn nicht wochenlang gewandert oder geritten sein, um irgendetwas über diese Welt sagen zu können. Alles andere wäre anmaßend und falsch und selbst dieser Gedanke, von mir gedacht, fühlt sich wie ein billiger Safarispruch an.

 

Trotzdem muss ich sagen, dass die Landschaft etwas Anziehendes, Magnetisches hat in ihrer Kargheit und Unwirtlichkeit. Die Schatten der Wolken, die über einen kahlen Hügel wandern, eine Schafherde, Rinder im hohen Gras, Guanacos, die plötzlich in großen Sprüngen die Straße queren, leicht und stolz, wie kleine Giraffen. Und dann wieder lange nichts, gar nichts was das Auge einfangen, das Hirn benennen könnte.

 

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14. November 2016, Punta Arenas

 

 

Das Südliche Ende des Amerikanischen Festlandes – ein Titel, der schroffe, undurchdringliche Wildnis suggeriert, den Blick in ewiges Meer und kleinlautes Vor-den-Elementen-Stehen; dass auch dort Plastikflaschen angespült werden, angebissene Äpfel herumliegen und Hot-Pot-Wellness-Urlaub angeboten wird, was soll man dazu sagen...!?

Tatsächlich ist die Welt auch bis kurz vor diesem äußersten Punkt menschlicher Reichweite eingezäunt mit Stacheldraht und in nummerierte Parzellen eingeteilt. Selbst wo die Straße nach vielen dramatisch ihr Ende ankündigenden Schildern in einen Feldweg, dann in einen Pfad übergeht und schließlich im Kies eines schmalen Strandes verschwindet, sind noch Zeichen der Zivilisation zu finden: Seltsame Betonblöcke und Markierungen weisen wohl auf den baldigen Weiterbau dieser südlichsten Straße des Kontinents durch die Chilenische Armee hin. Schiffe tuckern vorbei, oder liegen an der Magellanstraße auf Sichtweite vor Anker, irgendwo ist ein Hämmern zu hören. Und tatsächlich, es fliegen auch noch zwei Düsenjets im Tiefflug vorbei, ihren donnernden Schall nach sich ziehend. Es ist unmissverständlich, wer Anspruch auf diesen letzten Küstenstreifen erhebt.

 

Wenn man an diesem Strand entlang geht, ab und an von Delphinen begleitet, ein Seelöwe streckt auch zuweilen den Kopf aus den Wellen, und einem die 3-4 „Abenteurer“, die einem vom Ende des Kontinents her entgegenstapfen, schon zu viel sind, dann wünscht man sich sehnlichst, dass diese Straße nie fertiggestellt werden wird. Und die Gewissheit, dass dem nicht so sein kann, sobald das Geld dafür da ist die Maschinen wieder rollen und letzte Kilometer uralter Unzugänglichkeit niedergewalzt werden, diese Unbarmherzigkeit der menschlichen Gier, der Alleinherrschaftsanspruch unserer so unbegreiflich beschränkt denkenden und fühlenden Rasse über diese Welt, die plötzliche Ahnung davon an diesem eigentlich bezaubernden Ort, löst ein tiefes Bedauern und Beschämung über uns Menschen in mir aus.

 

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MJUNIK DEPRESSION (2014)

 

 

 

München stank. Über den überfüllten Plätzen und Passagen, den flimmernden Autoschlangen und triefenden Dönerbuden hing ein trüb-grauer Himmel, der irgendwie frustriert auf das hinunterblickte, was ihm an diesem Septembernachmittag geboten wurde. Alles drängte, schob und wälzte sich vorwärts. Es quoll aus U-Bahn-Ausgängen hervor, schleppte sich durch Bahnhofshallen und Hotellobbys, zertrampelte herbstliche Parkanlagen und mühsam gepflegte Grünflächen. Es strebte voran, in immer dichter sich verklumpenden Trauben, einen säuerlichen Geruch von Schweiß, Leder und Bier ausströmend, der sich mit dem Pferdekot der Kutschen, dem Gehupe der Taxis und der Dauerbeschallung der Fahrradrikschas zu einem ekelerregenden, die ganze Stadt überschwemmenden Dunst vermengten.

Und alles kannte nur ein Ziel: Wie das Blut zum Herz, floß alles in eine pulsierende Mitte, ein lärmendes Moloch verschlang alles, empfing die Massen willig, zog sie in einen Strudel aus Rausch, Dröhnen und Geilheit, um sie nachher wieder auszuspucken, und taumelnd ihren Heimweg suchen zu lassen.

Die Theresienwiese. Dieser sonst einmalige Ort der Leere und Weite, der winddurchtost oder sternenüberhangen dazuliegen pflegt, in dieser Stadt der Engstirnigkeit und der Tellerränder,

jedenfalls zu drei Vierteln des Jahres ein Lichtblick, ein Durchatmen können, ein Losrennen , das einen der faulen Stickigkeit der bayrischen Provinzmetropole zu entreißen vermag.

Doch so wie diese Stadt sich, trotz des irreleitenden Namens jenes Volksvergnügens, immer wieder schon im September für einige Tage in ihr Gegenteil verkehrt, so vollbringt auch die Theresienwiese eine 180-Grad-Drehung in ihrem sonst so friedfertigen Erscheinungsbild.

Eine gigantische fauchende Höllenmaschine, ein keifender Apparat von Kolben und Schienen, ein Räderwerk, das ohne Ende Menschenfleisch heranschafft, auf breiten Förderbändern ankarrt, bis die Menge gleich Lemmingen in die Tiefe stürzt, ins Bodenlose des Verdauungstrakts, wo sie von ätzenden Substanzen, betörenden Tönen und benebelndem Beben zersetzt wird. Nicht mehr als ein kläglicher Brei, der überall an den Rändern des Raubtiers aus kleinen Ritzen zu sickern scheint, bleibt noch von ihnen übrig.

 

Das Bahnhofsviertel verwandelt sich durch seine strategische Lage zwischen Wiesn und Innenstadt vom sonst geschäftig-basarischen, aber irgendwie gemütlichen Araberviertel, dessen unbayrischer Charme duch ein paar angestaubte Nachtclubs ergänzt wird, zur Spielwiese der bis zum Wiesnschluss um elf Uhr abends mehrheitlich sexuell unbefriedigt gebliebenen gaffenden und geifernden, in ihren billigen Trachten abgekämpft aussehenden Gelegenheitsbayern aller Nationalitäten.

Die Tänzerinnen stehen euphorisch und geldbesteckt in den Eingängen der Bars. Die alten Türken sehen sich gezwungen ihren allabendlichen Tee beim Italiener zwei Blocks weiter einzunehmen und die Touristen übernehmen das Feld. Nur die Sinti-Familie des Viertels kauert bettelnd wie immer in Hauseingängen und wirft vorwurfsvolle Blicke aus leuchtend grünen Augen in die berauschte Menge, wohlwissend dass das Geld dieser Tage auf der Wiesn liegen bleibt.

 

 

 

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Ein herrlicher Oktobernachmittag im Englischen Garten. Eine Bank unter Eichen, die tiefstehende Sonne im Gesicht, dicke Wolken drängen sich barock an der Münchner Skyline vorbei. Der alte Peter ruft. Das muss der bayrische Herbst sein! Ich setzte mich, blinzle ins goldene 5-Uhr-Licht, will mein Buch zücken – und das obligatorische Messingschild auf grünem Lehnengrund huscht ganz unschuldig durch mein Blickfeld: Für Klausi -Mausi, den Besten! Ihm also habe ich es zu verdanken hier sitzen zu dürfen. Mir wird übel. Ich stürze mich auf mein Fahrrad und versuche möglichst schnell möglichst viel Raum zwischen mich und diesen neuen Beweis der Münchner Geschmacklosigkeit zu bringen.

 

 

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Der Barkeeper im P1 versichert mir, das er mir die Fresse einschlagen wird, wenn er meinen Freund noch einmal in der Nähe der Alkoholika sieht. Seine Angst ist berechtigt, sein Umgang mit ihr dann doch etwas beunruhigend. Andererseits sind plötzlich hervorbrechende aggressive Absichten seitens des Personals nur verständlich bei der Dichte geldgepolsterter Starnberg-Kids, die sich in diesen heiligen Hallen die Haare aus der Stirn streichen.

Später bin ich dem beißenden Regen dankbar, der mir die Richtung weißt.

Das Beste an schlechten Partynächten ist der einsame Heimweg.

 

 

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Das ist so eine schöne Wiese.

- Toll!

Die Wiese da vor uns, das ist eine herrliche Wiese!

- Ja, eine Wiese.

Jetzt gehen wir nach Hause und essen ein Süppchen.

- Nein. Ich will doch kein Süppchen heute. Es gibt doch abends was.

Du sagst mir wann du gehen willst, ja?

- Ist versprochen....Gabs bei uns auch ein Drei-Gänge-Menü?

Ja. Ich meine doch...

- Was machen die Beine?

Prima, ich merke gar nichts. Wahrscheinlich habe ich nur simuliert...

- Ja, die Frage drängt sich auf... Na, dann los.

 

 

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Ins Nordbad!

Gibt es etwas herrlicheres als nach 30 Bahnen Chlorgestrampel die letzten Minuten die einem der Spätbadertarif gewährt im Dampfbad zu verbringen und heiße Luft zu atmen? - Ja! Die Frau am benachbarten Spiegel, mit scheinbar selbstgestrickter Strumpfhose, zu bemerken, die auf eine erstaunlich virtuos improvisierte Melodie „Das faschistische Drecksland“, „Die Arschlöcher von der Krankenkasse“, „Hört nur alle zu und glotzt“ und ähnliche ausgefallene Liedchen schmettert und dabei mit dem Föhn auf den Tisch haut, als wäre unser aller Urteil entgültig gefällt.

 

Letzte Woche stellte ein korpulenter Brustschwimmer in inflationärer Regelmäßigkeit fest: „Es gibt hier sehr viele Deutsche! Ja, in der Tat! Erstaunlich viele Deutsche! Das können sie mir schon glauben. Ja, und ob! Sie werden schon sehen. Erstaunlich viele. Viele Deutsche!“ Mit der Beharrlichkeit einer Boje zog er seine Bahnen.

 

Nachtrag: Ich muss bald wieder schwimmen gehen...

 

 

 

 

 

 

© Konstantin Bez